Bulgariens legendäre Riesen

 

Im 19. Jahrhundert berichteten Wanderer über Landschildkröten von erstaunlicher Größe in der Thrakischen Tiefebene im Südosten Bulgariens. Mehr als zwei Männerhände lang sollen sie gewesen sein. Heute sind diese gigantischen Tiere extrem selten geworden. Auf unseren Expeditionen begegneten wir nur kleinen bis mittelgroßen Exemplaren. Jedoch konnten wir in einem Gehege des „Tortoise Center Geachelonia“ zwei überdurchschnittlich große Graeca ibera-Weibchen bewundern, die 3,5 bis 4kg wiegen. Sie befinden sich dort in Schutzhaft, denn das Leben in Freiheit ist gefährlich geworden. Das Risiko, im Kochtopf zu landen oder von landwirtschaftlichen Geräten geschreddert zu werden ist einfach zu groß. Auch zwei große leere Panzer im Ausstellungsraum des Zentrums erinnern an die Zeit der legendären "Riesenschildkröten".

Großes Testudo graeca ibera Weibchen in Schutzhaft  

Zeugen der Vergangenheit

Bei vielen der damals beschriebenen Exemplare ist nicht klar, ob es sich um Testudo Graeca oder Testudo hermanni handelte. In Bulgarien teilen sich beide Arten oft den selben Lebensraum. Die Lokalformen beider Arten sehen sich für das ungeübte Auge sehr ähnlich. Als Hauptunterscheidungsmerkmal galt damals das geteilte oder ungeteilte Schwanzschild, was, wie wir heute wissen, kein sicheres Unterscheidungsmerkmal ist. Erschwerend kommt eine Änderung in der Nomenklatur dazu: Die Bezeichnung Testudo graeca wurde in früheren Zeiten für Testudo hermanni verwendet.

   

Gewisse Ähnlichkeiten: Testudo hermanni boettgeri und Testudo graeca ibera

Im "National Natural History Museum" in Sofia befindet sich das Präparat der größten bisher gefundenen europäischen Landschildkröte, einer Testudo graeca ibera mit 36,4cm Stockmaß. Auch der Panzer einer Thb von über 31cm Stockmaß ist dort zu besichtigen.

Die größte noch lebende Tgi wurde von 1987 von Holzfällern in einem Eichenwald gefunden. Sie hatte seinerzeit ein Stockmaß von 35,8cm und wog 5860g. Nach der Fütterung mit Succulenten kam sie auf 7kg. Die Holzfäller fuhren das Weibchen In einem Motorrad Beiwagen in die Hauptstadt, wo sie vermessen und fotografiert wurde. Auch ein Dokumentarfilm wurde über sie gedreht. Danach ging es den ganzen Weg mit dem Motorrad zurück und sie wurde am Fundort wieder ausgesetzt. Die größte noch lebende Testudo hermanni boettgeri wurde 1973 an der Grenze zu Mazedonien entdeckt. Sie misst 31,4cm.

   

Präparate von zwei Tgi und einer Thb  im Naturhistorischen Museum in Sofia aus: Vladimir A.Beshkov "Record sized Tortoises Testudo graeca ibera and Testudo hermanni boettgeri fom Bulgaria", 1997" (Quelle 2)

 

Beshkov stellt in seinem Aufsatz (Quelle 1) den Zusammenhang zwischen Größe und Nahrungsverfügbarkeit dar. Auch heute kommen die größten Tiere in den fruchtbaren Zonen und die kleinsten im Bergland vor. Die Größe ist also kein genetisches Merkmal sondern an die Umweltbedingungen geknüpft. Das heißt, dass man allein aufgrund der Größe keine Rückschlüsse auf bulgarische Vorfahren ziehen kann.

Wo sind sie geblieben?

Die Umweltbedingungen haben sich in den letzten Jahrzehnten verschlechtert und die Tiere sind in Gebiete mit weniger gehaltvoller Nahrung zurückgedrängt worden. Neben den veränderten Umweltbedingungen waren Schildkröten schon immer Fressfeinden, vor allem Greifvögeln, Dachsen und Wildschweinen, ausgeliefert. Neuerdings wandern aus der Türkei Schakale ein, die es auf die Gelege abgesehen haben. Auch der Mensch gehörte schon immer zu den Prädatoren der Schildkröten. So wurden während des 2.Weltkriegs Anfang der 40-er Jahre ganze Bestände abgesammelt und als lebende Fleischkonserve ins verbündete Deutsche Reich verfrachtet. Die allermeisten Einheimischen essen heute kein Schildkrötenfleisch mehr. Für umherziehende Roma gehören Schildkröten allerdings noch heute zur traditionellen Nahrung. Einige Bewohner Bulgariens berichteten in einer Umfrage Beshkovs, dass sie während des Militärdienstes Schildkröten aßen. In der Volksmedizin spielt das Trinken von Schuldkrötenblut noch eine gewisse Rolle.

Plakat mit eindeutiger Aussage

Schildkröten und Menschen bevorzugen unglücklicherweise Gebiete in Meeresnähe und Gebiete mit fruchtbaren Böden. Dieser Interessenskonflikt bedeutete bekanntlich schon in vielen Gegenden Europas das Aus für intakte Schildkrötenpopulationen. Auch wenn in Bulgarien die Schildkrötenwelt noch halbwegs in Ordnung erscheint, darf es nicht darüber hinwegtäuschen dass sie durch intensive Landwirtschaft und Tourismus stark gefährdet ist. Der Beitrag, den das Schutzprojekt „Geachelonia“ für den Erhalt der Natur vor Ort leistet, kann daher nicht hoch genug eingeschätzt werden.

 

Quellen:

(1) Vladimir A.Beshkov "On the distribution, relative Abundance and Protection of Tortoises in Bulgaria“, 1993

(2) Vladimir A.Beshkov "Record sized Tortoises Testudo graeca ibera and Testudo hermanni boettgeri fom Bulgaria", 1997"

(3) Ivo Ivanchev, mündliche Mitteilungen

 

Nach oben