Erfolgreich brüten

 

Seit 1999 brüte ich Schildkröteneier aus. Zwar nicht jedes Jahr, jedoch dieses Jahr schon zum zehnten Mal. Jedes Mal habe ich Daten zur Inkubation und zur weiteren Entwicklung genau notiert. Inzwischen steht auch fest, wie die Tiere sich weiter entwickelt haben. Damit die gesammelten Daten nicht in der Ecke verstauben wird es Zeit, euch an meinen Erfahrungen teil haben zu lassen.

 

Erfolgreich brüten heißt...

- eine hohe Schlupfrate

- keine Missbildungen oder Schildanomalien

- ein hoher Prozentsatz weiblicher Tiere



4 Eckpfeiler für erfolgreiches Brüten:

a) Gesundheit der Elterntiere

b) Auswahl der Eier

c) Temperaturverlauf

d) Geduld

Andere Faktoren, wie die Marke des Inkubators, Luftfeuchtigkeit, Störungen und die Frage „Vergraben oder nicht?“ spielen meiner Erfahrung nach eine untergeordnete Rolle.

 

a) Gesundheit

GESUNDE HALTUNG - GESUNDE ELTERTIERE – GESUNDE SCHLÜPFLINGE

    

Auch unter suboptimalen Bedingungen legen Schildkrötenweibchen befruchtete Eier, aus denen Nachzuchten schlüpfen. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass bei zu kalter Haltung, schlechter Calciumversorgung, zu wenig Platz, oder Überbelegung des Geheges überdurchschnittlich viele Embryonen absterben oder mit Missbildungen wie fehlenden Augen, einer Kiefer-Gaumenspalte oder einem fehlenden Schwänzchen zur Welt kommen. Die Gesundheit der Schildkröten und ihre Haltungsbedingungen stehen also in einem unmittelbaren Zusammenhang.

Die Zahl der Missbildungen bei meinen Schildkröten halten sich gottseidank sehr in Grenzen. Von insgesamt 138 Schlüpflingen gab es lediglich drei leichte Missbildungen: Zwei mal ein fehlendes Schwänzchen und ein mal eine Panzerdeformation.

Bei meinem deformierten Weibchen „Amanda“ aus vormals schlechter Haltung ist die Rate der unbefruchteten Eier und abgestorbenen Schlüpflinge besonders hoch.

 

b) Auswahl der Eier

ZWEITGELEGE AUSBRÜTEN!

Über viele Jahre konnte ich feststellen, dass die Befruchtungsrate beim Erstegelege signifikant geringer war als beim Zweitgelege. Besonders bei „Lola“, einem Weibchen, das schon Ende April legt, ist das der Fall. Bei „Anna“, die spät aus der Winterstarre auftaucht und entsprechend spät legt, bringt das Erstgelege dagegen regelmäßig gute Schlupfergebnisse. Es wäre interessant, zu untersuchen, ob man diese Erfahrung verallgemeinern kann.

Die Eier des Zweitgeleges sind in der Regel auch etwas größer und schwerer als die des Erstgeleges - wobei dies kein Qualitätsmerkmal sein muss. Das Dritt- oder gar Viertgelege ist dagegen wieder leichter.

Für mich persönlich heißt die Schlussfolgerung: Zweitgelege ausbrüten!

Dritt- und Viertgelege habe ich bisher nicht ausgebrütet.

 

Temperaturverlauf

ANOMALIEN MÜSSEN NICHT SEIN

Für manche Züchter sind Schildanomalien ein notwendige Begleiterscheinung, wenn man durch eine hohe Bruttemperatur einen hohen Weibchenanteil erzielen möchte. So steht es sogar in einigen Ratgebern geschrieben. Meine langjährigen Erfahrungen zeigen, dass dies nicht richtig ist. Das richtige Temperaturmanagement ist entscheidend.

Die Schilde werden schon in einem sehr frühen Stadium der Inkubation angelegt, während die Geschlechtsdetermination lt. U.Eggenschwieler und C.Pieau im zweiten Inkubationsdrittel stattfinden soll. Um Schildanomalien zu vermeiden brütet man also die ersten 10 Tage auf 31,5°C. Ab Tag 11 kann man die Temperatur auf 32,8° - 33°C hochfahren. Bei einer Scheiteltemperatur von 32°C in der thermosensiblen Phase hatte ich einen Weibchen-Männchen-Anteil von ca. 50%.

Eine Nachtabsenkung hatte keinen sichtbaren Einfluss auf das Schlupfergebnis.

In der letzten Woche vor dem Schlupf senke ich die Tagestemperatur etwas und baue eine Nachtabsenkung ein, damit sich die Kleinen an das Klima in der Welt außerhalb des Ei gewöhnen. Denn schließlich sollen sie nach dem Schlupf möglichst schnell nach draußen bzw. ins Gewächshaus.

 

Temperaturverlauf

Tag

1

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3

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53

54

°C

33

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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32,5

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Nacht-absenkung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

21

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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... und das richtige Thermometer

Sehr wichtig ist ein genaues Thermometer, am besten ein spezielles Inkubatorthermometer. Handelsübliche digitale Thermometer zeigen oft nicht korrekt an, besonders wenn sie schon älter sind. Je älter das Thermometer desto größer die Abweichungen. Auf analoge Thermometer kann man sich dagegen recht gut verlassen.


 

d) Geduld

WANN SIND SIE ENDLICH DA?

Der Schlupf kann wenige Stunden oder auch 2 Tage und 2 Nächte betragen. Eingreifen aus Sorge um den kleinen Winzling ist gut gemeint, aber in den allermeisten Fällen kontraproduktiv. Schlüpflinge, denen man die Zeit gibt, die sie brauchen, haben einen komplett eingezogenen Dottersack. Die Bauchspalte schließt sich nach einigen Stunden komplett. Sie können wenige Stunden nach dem Schlupf nach draußen in die Aufzuchtstation. Sehr selten wird es Schlüpflinge mit einem angeborenen Defekt geben, die es aus eigener Kraft nicht aus dem Ei schaffen. Diese hätten in freier Wildbahn keine Chance.

 

Substrat

VERGRABEN ODER NICHT?

Das Vergraben der Eier in Erde oder einer Mischung aus Sand und Erde ist natürlicher, hat aber Nachteile: Luftfeuchtigkeit und Temperatur sind weniger gut zu kontrollieren, da in der Erde abweichende Bedingungen herrschen. Die eigene Geduld wird auf eine harte Probe gestellt, da man die Eier nicht durchleuchten kann. Sollte die Kalkschale der Eier porös sein oder Risse bekommen, haben Keime leichter Zutritt. Während viele Halter dennoch gute Schlupfergebnisse mit dieser Methode erzielen, sind meine eigenen Erfahrungen mit dem Vergraben der Eier durchwachsen. 2010 machte ich ein Experiment. Ich brütete 3 Eier eines Geleges vergraben und drei Eier des selben Geleges legte ich offen in den Inkubator. Von den vergrabenen Eiern starben zwei Embryos ab, das dritte Krötchen hatte eine Panzerdeformation – eine Art Dromedar-Höcker – der im Laufe der Jahre größer wurde. Aus den drei offen inkubierten Eier schlüpften hübsche Babys ohne Anomalien. Ich vermute, es lag daran, dass ich die Erde ab und zu befeuchtet habe und die Eier dadurch Spannungsrisse bekommen haben, durch die Bakterien eingedrungen sind

Wenn vergraben, dann nur sehr sparsam befeuchten!

 

Noch größer ist das Risiko für Risse in den Eiern, wenn man Vermiculite als Substrat verwendet. Warum immer noch so häufig zu diesem zu diesem Substrat geraten wird, werde ich nie begreifen.

Die besten Resultate erziele ich mit der substratlosen Inkubation. Ich lege die Eier einfach zwischen die Noppen der Schaumstoffmatten, die zu dem Jäger-Inkubator 50-FB gehören. Erst kurz vor dem Schlupf, wenn das Ei schon angepickt ist, werden sie in ein kleines Gefäß umgebettet, in dem ein angefeuchtetes Stück Stoff oder Küchenpapier liegt. Der Inkubator wird selbstverständlich abgedunkelt. Mein Tipp ist daher: SUBSTRATLOS BRÜTEN!


 

Brutgerät

VIELE SIND GEEIGNET

Alle Brüter, bei denen man die Temperatur regulieren kann, scheinen geeignet zu sein.

Die Temperaturen in den mir bekannten Inkubatoren variieren um 0,5 - 1°C, je nachdem, ob die Heizung gerade angesprungen ist oder schon einige Zeit heizt.

 

Luftfeuchtigkeit

BEINAHE EGAL

Meiner Erfahrung nach spielt die Luftfeuchtigkeit keine große Rolle. Ich stelle ein Gefäß mit Wasser in den Inkubator, das langsam verdunstet. Die Luftfeuchtigkeit beträgt dabei zwischen 50 und 100%. Wenn einmal kein Wasser aufgefüllt wurde, wirkte sich das nicht negativ auf das Schlupfergebnis aus.

Bei vergrabenen Eiern fühlt sich das Substrat sehr trocken an - trotz fast 100%-iger Luftfeuchtigkeit. Dennoch wirken die Schlüpflinge hier keineswegs ausgetrocknet.

 

Störungen während des Brutvorgangs

EIER VON GUTER QUALITÄT VERTRAGEN VIEL

Es existieren viele Mythen und Mysterien über die Empfindlichkeit von Schildkröteneiern. Nur wenige sind wahr.

Eier können vor ihrer Überführung in den Brüter in der Legegrube belassen oder bei Raumtemperatur zwischengelagert werden. Nicht nur das, sie vertragen während dieser Zeit sogar Extremtemperaturen: Aus Eiern, die ich 2011 vor der Inkubation 14 Tage bei Temperaturen zwischen 5 und 45°C im Gewächshaus liegen hatte, schlüpften sogar besonders hübsche Babys, die sich prächtig entwickelten - siehe Bild unten.

 

 

Bevor die entsprechenden Temperaturen erreicht werden, dürfen die Eier gedreht werden. Auch danach sind die Eier unepfindlich gegen leichte Verlagerungen der Position, sollten aber besser nicht mehr auf den Kopf gedreht werden.

Bei meinen ersten Versuchen mit der substratlosen Inkubation passierte es, dass im Brüter liegende Eier von den frisch geschlüpften Babys umgekugelt wurden. Es waren keine negativen Auswirkungen auf die Schlüpflinge festzustellen.

Von einer Bekannten hörte ich die unglaubliche Geschichte, dass ein Kind sich ein Schildkrötenei aus dem Brüter nahm, ans Ohr hielt und kräftig durchschüttelte. Auch aus diesem Ei schlüpfte ein unversehrtes Junges.

In manchen Jahren durchleuchtete ich jedes Ei mehrfach, in anderen Jahren überhaupt nicht. Auf das Schlupfergebnis hatte dies keinen Einfluss.

Um die Eier durchleuchten zu können, müssen sie vorher gereinigt werden. Ob sie – wie Hühnereier – mit einer Bakterienhemmenden Schicht versehen sind, darüber gibt es noch keine Untersuchungen. Falls ja, ist es besser, die Eier unter fließendem Wasser abzuspülen als sie mit einem Tuch zu bearbeiten. So handhabe ich es auf Anraten meiner Tierärztin.

 

 

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