Bulgarien Exkursion

Ende Juli/ Anfang August 2013

Der Hochsommer ist bekanntlich nicht gerade die beste Jahreszeit, um Schildkröten in der Wildnis zu finden. Nur am Morgen und am späten Nachmittag kommen sie kurz aus ihren Verstecken. Den Rest des Tages verbringen sie gut getarnt im Wurzelbereich von Sträuchern oder unter hohem Gras. Ich hatte die Gelegenheit mit Ivo Ivanchev von der "GEA Chelonia Foundation" auf Exkursionen zu gehen und von seinen enormen Erfahrungen zu lernen. Er zeigte mir verschiedene Habitate in der Gegend nördlich der Touristenhochburg Nessebar am Schwarzen Meer, wo wir tatsächlich Testudo hermanni boettgeri und Testudo graeca ibera angetroffen haben.

 

Der Lebensraum von Testudo hermanni boettgeri

Wieder einmal werfe ich über den Haufen, was ich in schlauen Büchern bisher gelesen habe. Die Landschaft um die Station, ein typisches Verbreitungsgebiet von Thb, erinnert mich eher an meine Heimat Nordeutschland als an den Mittelmeerraum. Hier gibt es keine duftenden mediterranen Kräuter, keinen Kalksplitt auf dem Boden, stattdessen Eichen, Hainbuchen und Wiesen, das Ganze auf Lehmboden. Zusammen mit Weißdorn, Wildrosen und wilden Obstbäumen bilden sie lichte Wälder. Dazwischen wächst hohes Gras, das mehr oder weniger vertrocknet ist. Unterwärts ist es durchsetzt mit Wegwarte, Breitwegerich oder Kompasslattich - auch alte Bekannte. Im Frühjahr und Herbst soll hier alles saftig und grün sein. Der Unterschied ist, dass die Sommer im westlichen Bulgarien bis in den Oktober andauern und es wesentlich trockener ist als bei uns. Die Winter dagegen sind ähnlich lang und auch ähnlich kalt.

Bewaldete Gebiete mit hohen Wiesen werden von Testudo hermanni boettgeri bevorzugt, während Testudo Graeca Ibera die trockenen, felsigen Gebiete und die Dünenlandschaften besiedelt. Oft überschneiden sich die Lebensräume, ohne dass es zu Vermischungen der beiden Arten kommt.

Spaziergang im Thb-Gebiet: Gleich am ersten Tag sahen wir dieses zweijährige Jungtier im Laub sitzen und ein paar Meter weiter ein junges Weibchen.

Das Gelände ist sicherlich voller Thb, jedoch ist es schon ein Glücksfall, wenn sich eine zeigt. Hier ein weiteres Weibchen und ein Schlüpfling vom Vorjahr auf einem Waldweg zwischen Steinen und Flechten.

   

Überwinterungsquartier - Im Wurzelbereich dieser Eiche überwintern regelmäßig Thb in ca.15cm Tiefe. Sie überleben Temperaturen bis -20°C. Die Winterstarre dauert von November bis April, in der Regel gut 5 Monate. Das Eichenlaub ist auch nicht gerade fachliteratur-konform.

Ebenso haben die Schildkröten wohl überlesen, dass sie kein Obst fressen sollen. Wildes Obst gibt es im Sommer in Hülle und Fülle: Mini-Pflaumen in allen Farben, Brombeeren, kleine wilde Äpfel und Birnen. Wohlgemerkt in der Wildnis. Es handelt sich nicht um Kulturpflanzen. Niemand verbietet den Schildkröten, die heruntergefallenen Früchte zu verspeisen. Besonders gern werden die braunen, getrockneten Schalen geknabbert. In den Fäkalien findet man ausgeschiedene Obstkerne.

     

Obstteller

 

Im Graeca Gebiet

Auf der Pirsch in der felsigen Küstenlandschaft bei Emona

    

Oft sind geplünderte Nester der erste Hinweis, dass man sich in einem Schildkrötengebiet befindet. Im Laufe des frühen Vormittags ließen sich ein wunderschönes adultes Thb-Männchen und 4 Testudo graeca ibera blicken, außerdem halb wilde Pferde, mehrere Schlangen und ein Schakal.

   

  

  

 

Zerstörung des Lebensraumes

   

Schon immer lebten Schildkröten in Bulgarien gefährlich. Marder, Dachse und Raubvögel ernähren sich von ihnen. Für umherziehende Roma sind sie auch heute noch traditionelles Nahrungsmittel. Noch vor 10 Jahren wurden sie eimerweise gesammelt und in den Restaurantsder Hauptstadt serviert. Seit einige Jahren treiben Schakale im Südwesten Bulgariens ihr Unwesen und dringen immer weiter nach Norden vor. All das konnte die Schildkrötenpopulation bisher verkraften, jedoch gegen die aktuelle Gefahr, die Zerstörung des Lebensraums durch Tourismus und Landwirtschaft, kommt sie nicht an. Seit dem Beitritt in die EU fressen sich Urlaubsressorts in die Landschaft, intakte Habitate müssen Golfplätzen weichen, Strände werden besiedelt. Um Felder anzulegen, werden Maschinen eingesetzt, die Sträucher samt Wurzel ausreißen und schreddern. Unzählige Schildkröten, die diese Bereiche als Verstecke nutzen, wurden auf diese Weise mitgeschreddert.

                                   früher                                                                                                               heute

 

Die GEA Chelonia Foundation

Die "GEA Chelonia Foundation" http://www.geachelonia.org/index1.php  ist gleichzeitig Schulungscenter, Auffangstation für verletzte und beschlagnahmte Schildkröten und Forschungsstation - die einzige ihrer Art in ganz Bulgarien. Ivo Ivanchev lebt dort inmitten einer Vielzahl von Schildkröten mit seiner Freundin, der Biologin Iva Lalovska und seinem kleinen Sohn. Er führt Evakuierungen durch, sammelt Daten, arbeitet mit sämtlichen führenden Herpetologen des Landes und der ganzen Welt zusammen. Vordringliches Ziel ist aber die Öffnung des Bewusstseins in seiner Heimat für die Wichtigkeit des Schildkrötenschutzes und damit für den Erhalt der Natur.

 


   Naturbelassenes Gehege für verletzte oder beschlagnahmte Schildkröten, die später ausgewildert werden. Rechts einige Insassen.

   

Riesige Graeca ibera

 

    

Jedes Jahr gibt es Naturbruten. Sie werden in seperaten Gehegen aufgezogen und nach 3-4 Jahren Jahren ausgewildert. Rechts: Jungtiergehege, Quarantänegehege

 

       

Auch verschiedene wunderschöne tropische Landschildkröten verbringen hier den Sommer im Freien. Rechts unten hinter dem Stein gräbt gerade eine Geochelone platynota ihre Eigrube im Freien - ein besonderes Ereignis.  

     

 

Erscheinungsbild der bulgarischen Thb 

Die Tiere, die ich gesehen habe, waren sehr variabel in Größe und Zeichnung. Die Areolen des 4. und 5. Wirbelschild sind meist unpigmentiert. Mir sind sowohl sehr kleine als auch große adulte Exemplare begegnet. Wegen der guten Futterbedingungen wachsen sie in der freien Wildbahn Bulgariens wohl etwas zügiger als in kargen Gegenden des Mittelmeers, was eher mit den Umweltbedingungen als mit Vererbung zu tun hat. Die legendären riesigen Exemplare sind selten geworden. Sie werden zunehmend in Gegenden zurückgedrängt, wo sie mit weniger gehaltvollem Futter auskommen müssen.
Eine Kleinigkeit ist mir dennoch aufgefallen. Das Verhältnis der Nähte zwischen Brustschildern und Beinschildern gilt allgemein als Unterscheidungsmerkmal zwischen den Unterarten Thb, Thh und Thherc. Bei fast allen bulgarischen Thb, deren Plastron ich betrachtet habe (es waren ca. 20), war entgegen der allgemeinen Auffassung jedoch die Naht zwischen den Brustschildern kürzer als die zwischen den Beinschildern, zumindest aber waren beide Nähte gleich lang. Zufall?
Weitere Merkmale

     

Schildkrötengespräche bis tief in die Nacht ...

     

 


 

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