Fehlwachstum durch falsche Haltung

 

Zwar gibt es bei Griechischen Landschildkröten auch angeborene Missbildungen und NICHT haltungsbedingtes Fehlwachstum, jedoch werden die allermeisten Deformationen durch Haltungsfehler verursacht.

                                                                                                                                                                                                               Zeichnung: G.Meyer de Rojas

 

Höckerig gewachsene Schildkröten findet man unter menschlicher Obhut häufig - sogar häufiger als glatt gewachsene Tiere. In freier Wildbahn dagegen haben Schildkröten fast immer einen völlig ebenen Rückenpanzer. Für die Entstehung von Höckern scheint eine zu trockene Aufzucht und zu gehaltvolles Futter verantwortlich zu sein. Die Grundlagen für eine spätere Höckerbildung werden in frühester Jugend gelegt. Je schneller die Schildkröte wächst desto stärker prägen sich die Höcker aus. 

Thb-Männchen "Bimbo" verlebte seine ersten Lebensjahre wechselweise im Terrarium und im Freiland und wurde großzügig gefüttert. Inzwischen lebt er seit 13 Jahren im Freiland. Obwohl er ansonsten gesund und vital ist, werden seine Höcker niemals verschwinden.

 

Wieso manche Terrarienschildkröten eine Wuchsform, die wie ein Hut mit breiter Krempe aussieht, ausbilden, kann ich nur erahnen. Es handelt sich fast immer um für ihr Alter zu kleine Tiere. Die Marginalschilde wachsen in normaler Geschwindigkeit, der übrige Carapax hält mit dem Wachstum nicht Schritt. Ich vermute, dass es sich um Schildkröten handelt, die ihre ersten Lebensmonate-/jahre in artgerechter Umgebung verbracht haben, daher die waagerecht gewachsenen ersten Wachstumsringe oben auf dem Panzer.

Drei sechsjährige Testudo hermanni boettgeri mit typischer Hutform. Sie verbrachten ihr Dasein in einem Terrarium auf Buchenholzspänen. (Es ist nicht das Terrarium auf dem Foto!) Ausstattung: künstliche Orchideen, Plastikpflanzen, Beleuchtung: ReptiGlo 10.0 und eine SunGlo 50W, 6 Jahre nicht erneuert. Ernährung: Obst und Salat. Alle waren sehr klein für ihr Alter. Ihr Gewicht lag zum Zeitpunkt des Fotos zwischen 195 und 385g. Die kleinste hatte ein gebrochenes  Bein - wahrscheinlich aufgrund poröser Knochen. Sie ist nach 2 Jahren gestorben. Die anderen beiden leben jetzt das dritte Jahr in einem Freigehege und halten Winterstarre. (Foto: Sabine G.)

  

Die Griechische Landschildkröte auf dem Bild oben wurde Mitte der 60-er Jahre als etwa handtellergroßes Schildkrötenkind ihrem natürlichen Lebensraum entnommen und in einem norddeutschen Zooladen angeboten. Die folgenden 20 Jahre verbrachte Amanda hauptsächlich in der Wohnung bei gut gemeinter Salat- und Obstfütterung, aber ohne das lebensnotwendige Sonnenlicht. Mit typischer Hutform und für ihr Alter zu klein übernahm ich sie Ende der 80-er Jahre. Sie entschloss sich, noch einmal mit dem Wachsen anzufangen und wiegt inzwischen 2kg. Der Panzer weist seitdem einen ebenmäßigen Zuwachs auf. Die Höcker werden jedoch immer bleiben. 15 Jahre dauerte es bis sich ihr Organismus soweit regenerierte, dass sie das erste Mal in ihrem Leben Eier legte. Inzwischen legt sie regelmäßig.

 

Was Menschen Tieren antun

Täglich sieht man in Verkaufsanzeigen und in sozialen Netzwerken Fotos von jämmerlich verwachsenen Kreaturen. Falsch verstandene Tierliebe in Form von zu gut gemeintem Futter und Terrarienhaltung führt häufig zu Fehlwachstum. Wenn eine solche Schildkröte Glück hat, darf sie ihr zweites Leben bei einem sachkundigen Schildkrötenhalter in einem Freigehege bei artgerechter Fütterung verbringen. Viele haben kein Glück. Nachdem sie Monate oder sogar Jahre still vor sich hin gelitten haben, werden die langweiligen Tiere einfach in der Mülltonne entsorgt. Oder sie werden zum Tierarzt gebracht, wenn bereits alles zu spät ist. Nicht selten versucht der Halter sogar noch Geld mit den jämmerlichen Wesen zu verdienen, denn Anschaffung und Zubehör waren schließlich teuer. Die meisten Zoohändler, Börsenverkäufer und manche privateZüchter gaukeln ihren Käufern vor, eine Landschildkröte ließe sich im Zimmer unter einer billigen Lampe halten. So schieben Halter derartig verformter Tiere oft die Schuld auf schlechte Beratung. Im Zeitalter des Internet kann sich jedoch jeder Schildkrötenhalter darüber informieren, was eine Schildkröte zum Leben braucht.

 Diese männliche Griechische Landschildkröte wurde zusamen mit einem Artgenossen 14 Jahre lang in einem engen Terrarium gehalten. (Foto: Lia Neumann)

Erst 2,5 Jahre und schon rachitisch - Schildkrötenkind aus Terrarienhaltung (Foto: Dana Südbrock)

Typische Pfannkuchenform: Schildkröte aus Wohnungshaltung. Es fehlte das natürliche Sonnenlicht. Der Panzer ist flach und eingesunken  (Foto: Daniel Baumgart)

Die oben abgebildete 19-jährige Testudo hermanni boettgeri hat den größten Teil ihres Lebens in einem viel zu kleinen Terrarium bei Salat, Tomaten und Hundefutter verbracht. Das Resultat ist ein deformierter Panzer mit verdicktem Bauchpanzer, der das selbstständige Fressen erschwert, außerdem geschwollende Augen und ein Papageienschnabel. Aufgrund von UV-Mangel ist der neue  Zuwachsstreifen sehr blass.  (Foto  "Robert", Testudoforum)

Erstaunlich, wie zäh Griechische Landschildkröten sind! 17 Jahre überlebte dieses Thb-Weibchen in einem Terrarium ohne natürliches Sonnenlicht, ohne Winterstarre und bei haüptsächlich ungeeignetem Futter (Foto links und oben: Betty Grün). Es ist ihr zu wünschen, dass sie niemals Eier ausbilden wird.

   

9- jährige Testudo graeca ibera, die in ihren ersten Lebensjahren zu gehaltvoll gefüttert wurde. Unter anderem stand Fischfutter auf ihrem Speiseplan. Thb mit ausgeheilter Rachitis. Typisch ist das eingesunkene vierte Wirbelschild. Diese Schildkröte hatte Glück. Sie darf jetzt in einem Freigehege leben. (Foto Sabine Riesinger)

     

Extrem deformierte Testudo horsfieldii mit Wachstumsstörungen, die jahrelang ohne UV-Licht im Terrarium gehalten und falsch ernährt wurde

Bei Mangel an UVB besteht die Gefahr einer Rachitis. Beginnend am 4. Wirbelschild wird der Panzer weich und sinkt im schlimmsten Fall ein, so dass die Schildkröte eine Pfannkuchenform bekommt. Was man mit bloßem Auge nicht sieht, ist, dass bei solchen Schildkröten auch die Knochen porös sind. In schlimmen Fällen kommt es zu Knochenbrüchen und zu Kieferfehlstellungen. Auch die Färbung des Panzers gibt Hinweise auf die UV-Versorgung des Tieres. Bei UV-Mangel ist die Grundfarbe hellgelb bis weiß, wie bei dem Tier unten. Man sieht es besonders an den neuen Zuwachsstreifen.Deformationen sehen nicht nur unschön aus, sondern sind oft an äußeres Zeichen für Organ- oder Knochenschäden. Fettleber, Nierenschäden und Gicht sind ernährungs- und haltungsbedingte Krankheiten, die man der Schildkröte lange nicht anmerkt.

     

Flach und höckerig gewachsene Testudo horsfieldii aus Terrarienhaltung. Da sie vorwiegend mit Obst gefüttert wurde, nutzten sich die Hornscheiden am Maul nicht ab und es bildete sich ein deutlicher Papageienschnabel. Auf dem rechten Bild sieht man, wie sich nach einem Jahr Freilandhaltung, in der sich die Schildkröte ihr Futter selbst abrupfen musste, der Schnabel von selbst zurückgebildet hat. Man beachte auch die Augen, die viel offener in die Welt blicken.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bei zu weichem Futter, z.B. viel Salat, bildet sich ein Papageienschnabel aus (Foto: Daniel Baumgart)

 

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