Wachstum und Gewicht

Die Fotos zeigen die selbe Griechische Landschildkröte kurz nach dem Schlupf, nach 4 Jahren und nach 7 Jahren. Ihr Panzer ist von 4cm auf 15cm gewachsen. Sie hat Wachstumsringe gebildet und aus dem Grau-Braun der ersten Monate ist ein kräftiges Schwarz-Gelb geworden. Die Schildkröte hatte ein Schlupfgewicht von 12g. In 7 Jahren hat sie 600g zugenommen. Die Marginalschilder im Bereich der Hinterbeine sind ausladender geworden.
Gewichtskontrolle - die große Verwirrung
Die Gewichtskontrolle ist eine unkomplizierte Methode, um festzustellen, wie sich eine Schildkröte entwickelt hat oder um mehrere Tiere miteinander zu vergleichen. Allerdings liefert das Gewicht nur einen groben Anhaltspunkt. Genaueres über das Wachstum der Schildkröte erfährt man durch Betrachtung der Wachstumsringe. Zum Vergleich mit anderen Schildkröten ist die Längenmessung besser geeignet als ein Gewichtsvergleich. Besonders bei adulten Schildkröten ist das ermittelte Gewicht eines einzigen Tages nicht sehr aussagekräftig. Die Differenz von einem Tag zum anderen kann bis zu 10% betragen.
Die Auffassungen, wieviel eine Schildkröte idealerweise wiegen soll, gehen auseinander. Im Internet findet man jede Menge Gewichtstabellen, in denen Alter und Gewicht (bei Jungtieren) bzw. Größe und Gewicht (bei adulten Tieren) miteinander abgeglichen werden.
Eine der bekanntesten Tabellen war lange Jahre die Gewichtsberechnung nach Pursall klick Man gibt das Stockmaß eines erwachsenen Tieres ein und erfährt augenblicklich, ob die betreffende Schildkröte Über- oder Untergewicht hat, oder ob sie gar schon im Sterben liegt.
Adrian Hailey vergleicht das Gewicht mit dem von im natürlichen Habitat lebenden Schildkröten und berechnet einen Konditionsindex. klick (dann weiter auf "calculate")
Zur Veranschaulichung hier das Gewicht meiner adulten Testudo hermanni boettgeri (Daten von 2010):
|
Stockmaß SCL |
Panzerlänge | Umfang | Gewicht | Durchschnittsgewicht nach Pursall | Durchschnittsgewicht nach Hailey | |
Klops![]() |
22,5cm | 26cm | 43cm | 1855 - 2012g | fast tot | untergewichtig, 87% des Soll-Gewichts |
Lola![]() |
20,5cm | 25cm | 40,5cm | 1502 - 1671g | alarmierendes Untergewicht | ok, 96% des Soll-Gewichts |
|
Gisela
|
23,5cm | 30cm | 47cm | 2433 - 2653g | Untergewicht | ok, 103% des Soll-Gewichts |
|
Amanda |
22cm | 24cm | 44cm | 1891 - 2085g | Untergewicht | ok, 100% des Soll-Gewichts |
|
Anna |
18cm | 21cm | 35cm | 1039 - 1155g | Untergewicht | ok, 92% des Soll-Gewichts |
Bimbo![]() |
20cm | 24cm | 41,5cm | 1605 - 1781g | Untergewicht | ok, 113% des Soll-Gewichts |
Hermann![]() |
17,5cm | 24cm | 37cm | 1260 - 1330g | Übergewicht | übergewichtig, 121% des Soll-Gewichts |
Nach Pursall hätte das Weibchen "Klops", ein sehr flach gebautes Tier, fast tot sein müssen. Sie macht aber seit fast 40 Jahren absolut keine Anstalten, das zeitliche zu segnen. "Hermann" hat hat keine einzige Speckrolle, sondern einen stark gewölbten Panzer. Dies wirft die Frage auf, ob eine Messung über den Rückenpanzer nicht sinnvoller ist, wie z.B. hier vorgeschlagen. klick Bei dieser Methode wird das Volumen der Schildkröte teilweise mit berücksichtigt. Allerdings wird man bald feststellen, dass Tiere mit gleicher Carapaxlänge häufig äußerst unterschiedliche Gewichte auf die Waage bringen - (siehe Bimbo, Hermann und Amanda).
Fazit: Keine der beiden Messmethoden ist wirklich zufriedenstellend. Stockmaß und Panzerlänge entsprechen sich oft nicht. Die Breite der Schildkröte wird bei beiden Verfahren nicht berücksichtigt.Überlegungen zu einer alternativen Messmethode hier
Schildkröten im Schlankheitswahn?
Eine verbreitete Empfehlung lautet: Verdoppelung des Schlupfgewichtes bis zur ersten Winterstarre, Gewichtszunahme um jeweils 50% bis zur jeweils nächsten Winterstarre, z.B. Je mehr Schildkröten man selbst groß zieht desto häufiger werden die Abweichungen von der Norm - trotz gleicher Rahmenbedingungen. Selbst Tiere aus demselben Gelege können sich unterschiedlich entwickeln. Obwohl meine Schildkröten das ganze Jahr im Freiland leben und fast nur Wildpflanzen bekommen, wachsen sie im Durchschnitt etwas schneller als empfohlen.
Bekanntlich ist es keine Kunst, eine Schildkröte innerhalb ihres ersten Lebensjahres auf 100 oder gar 200g zu mästen. Besonders Terrarientiere erreichen durch Bewegungsmangel, gleichmäßig hohe Temperaturen und Langeweile schnell eine ungesunde Größe und ein entsprechendes Gewicht. Wenn dann noch die Winterstarre ausfällt, hat man es mit einer typischen Dampfaufzucht zu tun.

Tab.1: Gewichtszunahme meiner Nachzuchten von 2006 im ersten Lebensjahr. Unterschiedliche Farben = unterschiedliche Muttertiere. Die Unterbrechung = die Winterstarre, in der nicht gewogen wurde. Auch die Schlüpflinge, die in den ersten Monaten kaum zugenommen hatten, haben die Winterstarre unbeschadet überstanden. Endet eine Linie, zeigt sie an, dass das entsprechende Tier abgegeben wurde.
Da die großen Tiere meist die ersten sind, die abgegeben werden und die Kleinsten am längsten beim Züchter verbleiben, müssten die Werte eigentlich noch weiter nach oben korrigiert werden.

Tab.2: Gewicht meiner Thb Nachzuchten von 2004-2010 im ersten Lebensjahr: Die y-Achse zeigt das Gewicht in Gramm. Die dunkelrote Linie zeigt den Durchschnittswert. An den grauen Begrenzungslinien kann man das Gewicht des leichtesten bzw. schwersten Tieres ablesen. Wie man sieht sind die Abweichungen vom Durchschnitt beträchtlich. Die Anzahl der verglichenen Tiere im Alter von 1 Monat beträgt 104 (n=104) mit 12 Momaten (n=40).

Tab.3: Wie unterschiedlich sich die Tiere trotz gleicher Haltungsbedingungen entwickeln ist in der Tabelle oben dargestellt. Sie zeigt die Gewichtsentwicklung meiner Nachzuchten 2004 bis 2010 bis zum Alter von 5 Jahren. In der oberen Zeile ist die Anzahl der gewogenen Tiere abzulesen.
Gewichtsentwicklung während eines Jahres
Wie man besonders an der Darstellung in Tab.3 ablesen kann, verläuft die Gewichtszunahme bei Jungtieren aus Freilandhaltung nicht gleichmäßig. In den Monaten März bis Juli erfolgt fast der komplette jährliche Zuwachs. Im August nehmen sie nur noch geringfügig zu. In den Monaten September bis November kommt es oft zu einer leichten Gewichtsabnahme, die während der Winterstarre durch Aufnahme von Feuchtigkeit wieder ausgeglichen wird. Somit starten die Tiere nach der Winterstarre etwa mit dem August-Gewicht des Vorjahres.
Bei Schlüpflingen ist der Schlupfzeitpunkt entscheidend. Eine im Juni geschlüpfte Schildkröte legt durchschnittlich um die Hälfte ihres Schlupfgewichts zu, eine im September geschlüpfte geht mit ihrem Schlupfgewicht in die Winterstarre. Nach spätestens zwei Jahren ist der Rückstand aufgeholt.
Gewicht adulter Schildkröten
Das jährliche Durchschnittsgewicht meiner adulten Schildkröten ist über Jahre konstant geblieben.
Das Gewicht nach der Winterstarre liegt leicht über dem Einwinterungsgewicht. Je nach Futterverfügbarkeit und Verdauungstätigkeit schwankt das Gewicht in den aktiven Monaten März bis August täglich um 8 bis 10% des Durchschnittsgewichts. Weibchen überschreiten ihr Durchschnittsgewicht nicht, wenn sich Eier ausbilden. Es scheint so zu sein, dass die Eier allmählich den Darm- und Mageninhalt verdrängen. Der Gewichtsverlust nach erfolgter Eiablage entspricht logischerweise ziemlich genau dem Gewicht des Geleges, also 50 - 180g. Die entstandenen Hohlräume werden aber innerhalb kurzer Zeit wieder aufgefüllt, denn Eierlegen macht hungrig. Das Gewicht hat sich - je nach Gelegegröße - manchmal schon nach 2 Tagen wieder auf den normalen Stand eingependelt.
Die Gewichtsschwankungen sind bei meinen Weibchen nicht größer als bei den Männchen.

sekundenschnelles Wiegen im Gehege
Wozu überhaupt wiegen?
Die Gewichtskontrolle ist unkompliziert und für die Schildkröte nahezu stressfrei im Vergleich zu anderen Mess-Methoden.
Ich wiege meine Schlüpflinge, um festzustellen, ob die Entwicklung kontinuierlich verläuft. Wenn ein Winzling über Wochen nicht zunimmt, wird er geauer beobachtet und evtl. separiert und aufgepäppelt. Bei hoher Konkurrenz um das Futter kommen kleinere oder weniger energische Tiere schon mal zu kurz. Auf der Grafik kann man sehen, dass manche Schlüpflinge erst nach der Winterstarre richtig "in Gang" kommen.
Die Jungtiere werden in der Wachstumsphase einmal montlich gewogen. Wozu? Um schöne bunte Gewichtstabellen zu erstellen.
Und um gegebenenfalls das Futterangebot zu reduzieren bzw. zu erhöhen. Ein stagnierendes Gewicht kann auch ein Anzeichen für Wurmbefall sein.
Durch Gewichtsvergleiche lässt sich nur dann feststellen, ob ein Weibchen gerade Eier gelegt hat, wenn man regelmäßige Messreihen durchführt. Dabei ist besonders darauf zu achten, dass der Wiegevorgang sekundenschnellschnell und stressfrei verläuft.
Letztendlich wird die Gewichtsangabe auch seitens der Behörde für die Fotodokumentation verlangt.
Wachstum

Links: Gleichmäßig aufeinanderfolgende Wachstumsringe am Carapax einer Thb im natürlichen Habitat in Nordgriechenland. Pro Jahr entsteht ein neuer Wachstumsring. Die Hauptwachstumszeit ist im Frühjahr. Rechts: Bei dieser 5-jährigen Testudo hermanni boettgeri aus norddeutscher Freilandhaltung ist der jährliche Zuwachs ebenfalls zu erkennen. Der jährliche Zuwachs ist ungleichmäßiger. März: Aufenthalt im Übergangsterrarium oder geheizten Frühbeet: leichter Zuwachs. Üppiges Grünfutter im Freiland von Mai bis September: starker Zuwachs

Carapax- und Plastronansicht einer 2005 geschlüpften Thb. Das Wachstum verläuft zwar nicht so gleichmäßig wie bei Tieren aus der Natur, dennoch kommt man beim Abzählen der senkrechten Wachstumsringe genau auf das Alter der Schildkröte. Auch am Plastron ist der jährliche Zuwachs genau zu erkennen. Die Methode des "Jahresringezählens" funktioniert nur bei Tieren, die im Winter einen Wachstumsstopp eingelegt haben. Mit fortschreitendem Alter rücken die Wachstumsringe immer enger zusammen, so dass sie schließlich nicht mehr zu identifizieren sind. Bei ausgewachsenen Tieren, also ab ca. 15 - 18 Jahren, kann man das Alter also auf diese Weise nicht mehr ermitteln.
Da das Gewicht einer Schildkröte täglichen Schwankungen unterliegt, ist zur Dokumentation der Entwicklung ein Abgleich des Größenwachstums aussagekräftiger. Die meisten Wissenschaftler verwenden das Stockmaß SCL (Straight Carapax Length), also das Längenmaß des Panzers, wie man es mit einer Schieblehre abgreifen kann. Für Schildkröten über 15cm Länge verwende ich ein selbstgebautes "Tortometer" (s.Abb. unten) Als Vorbild diente die Konstruktion von Hailey auf der Seite measuring length die ich so abgewandelt habe, dass sie sich schildkrötenfreundlicher handhaben lässt.

Fehlwachstum
Bei trockener Haltung und gleichzeitig zu gutgemeinter Fütterung kommt es zur Höckerbildung. Der Panzer wächst nicht glatt, sondern bildet pyramidenförmige Höcker. Besonders Schlüpflinge und Jungtiere, deren Knochenpanzer noch lückenhaft und nicht ausgehärtet ist, sind anfällig dafür. Je schneller die Schildkröte wächst desto stärker prägen sich die Höcker aus.
Bei Mangel an dem lebenswichtigem UVB (künstliche Beleuchtung) wird der Panzer weich und sinkt im schlimmsten Fall ein, so dass die Schildkröte eine Pfannkuchenform bekommt. Das Einsinken beginnt im Bereich des vierten Wirbelschildes. Auch die Färbung gibt Hinweise auf die UV-Versorgung des Tieres.
Zu viel Wärme von unten, zB. durch die vom Zoohandel oft empfohlenen Heizmatten führen (angeblich?) zu einem verstärkten Wachstum des Bauchpanzers.
Dies alles sieht nicht nur unschön aus, sondern hat auch Fogen für die Gesundheit. Fettleber, Nierenschäden und Gicht sind ernährungs- und haltungsbedingte Krankheiten, die man der Schildkröte lange nicht anmerkt.

Die oben abgebildete 19-jährige Testudo hermanni boettgeri hat den größten Teil ihres Lebens in einem viel zu kleinen Terrarium bei Salat, Tomaten und Hundefutter verbracht. Das Resultat ist ein deformierter Panzer mit verdicktem Bauchpanzer, der das selbstständige Fressen erschwert, außerdem geschwollende Augen und ein Papageienschnabel. (Foto mit freundlicher Genehmigung von Robert aus dem Testudoforum)

Ein weiteres Beispiel einer Schildkröte aus Wohnungshaltung. Es fehlte das natürliche Sonnenlicht. Der Panzer ist flach und eingesunken (Foto Daniel Baumgart)
Die Griechische Landschildkröte auf dem unteren Bild wurde Ende der 60-er Jahre als etwa handtellergroßes Schildkrötenkind ihrem natürlichen Lebensraum entnommen und in einem norddeutschen Zooladen angeboten. Die folgenden 20 Jahre verbrachte Amanda hauptsächlich in der Wohnung bei gut gemeinter Salat- und Obstfütterung, aber ohne das lebensnotwendige Sonnenlicht. Flach, höckerig gewachsen und für ihr Alter zu klein übernahm ich sie Ende der 80-er Jahre. Sie entschloss sich, noch einmal mit dem Wachsen anzufangen und wiegt inzwischen 2kg. Der Panzer weist seitdem einen ebenmäßigen Zuwachs auf. Die Höcker werden immer bleiben. 15 Jahre dauerte es bis sich ihr Organismus soweit regenerierte, dass sie das erste Mal in ihrem Leben Eier legte. Inzwischen legt sie regelmäßig. Alle Phasen ihres Lebens lassen sich an ihrem Panzerwuchs ablesen.

Langsam und gleichmäßig gewachsene Schildkröte:
