Überwinterung

ein Erfahrungsbericht

Wenn die ersten Bäume ihr Laub abwerfen, dauert es nicht lange bis die erste Schildkröte in den Untergrund geht. In manchen Jahren ist dies schon Mitte September der Fall. Die für die Winterstarre* bereiten Tiere sind oft schwierig zu finden, weil sie sich gern ein Versteck auswählen, wo sie sich von Artgenossen unbehelligt vorbereiten können. Das kann außerhalb des Schlafhauses sein, z.B. unter einem Strauch oder einem Grasbüschel. Ich habe den Eindruck, dass sich manche absichtlich die kühlste, feuchteste Ecke im Gehege suchen, um sich gezielt herunterzukühlen, anstatt die Nächte im gemütlich warmen Frühbeet zu verbringen. Und so stellt sich jeden Herbst die gleiche bange Frage: Ist meine Schildkröte entlaufen? Wurde sie gestohlen?? Oder ist sie gar Fressfeinden zum Opfer gefallen??? Andere Individuen bleiben unbeweglich an ihrem gewohnten Schlafplatz, und machen nur noch ein paar Schritte, um Sonne zu tanken oder einige Häppchen zu fressen. Wenn eine andere Schildkröte Anspruch auf einen Lieblingsplatz erhebt, kann es rabiat zugehen. Der Eindringling wird verfolgt und sogar mit Bissen vertrieben.

 

a)       b)                             

         a) Lola hat ihren langjährigen Lieblingsplatz eingenommen.           b) Sie geht rabiat gegen Eindringlinge vor                                                                     

 

Meine Schildkröten beginnen nicht alle gleichzeitig mit der Vorbereitung auf die Winterstarre. Die Schlüpflinge graben sich früher ein als die Jungtiere und diese wiederum früher als die Adulten. Davon abgesehen hat jede ihren individuellen Rhythmus, der sich sogar auf die Nachkommen vererbt (!). Jedes Jahr sind Anna und ihre Nachkommen die ersten, die ab- und die letzten, die wieder auftauchen. Anna schläft gut 5 Monate. Amanda geht jedes Jahr als letzte unter die Erde und taucht schon Ende Februar wieder auf. Ihre Winterstarre dauert bei gleichen Bedingungen 3,5 Monate.

Besonders die Schlüpflinge reagieren sofort auf kühle Nachttemperaturen und vergraben sich schon im September unwiderruflich. Mit mäßigem Erfolg versuche ich mit Hilfe von Wärmelampen und Deckelheizungen über dem Schlafhaus einen mediterranen Herbst zu simulieren. Zudem vergraben sich die kleinen Ausreißer gern außerhalb des Schlafhauses, und man kann froh sein, wenn man sie überhaupt findet.

Anfang November - wenn das letzte Laub von den Bäumen gefallen ist -  ist auch die letzte Schildkröte in ihrem Winterquartier verschwunden. Bei Außentemperaturen bis knapp über 0°C braucht man bei dieser Methode keine weitere Heizung. Bei eisigem Frost muss allerdings zugeheizt werden, damit die Tiere nicht erfrieren. Zwar ist der Organismus der Griechische Landschildkröte so ausgerichtet, dass er kurze Frostperioden unbeschadet übersteht – hier ein interessanter Link  dazu – aber ich möchte nicht ausprobieren, wann die Grenze erreicht ist. Unfreiwillige Experimente hat es schon gegeben. 2008 war z.B. ein ausgebüxter Schlüpfling mehrere Tage komplett in der Oberfläche des Bodens eingefroren. Er hat keine bleibenden Schäden davongetragen.

Auf das Wiegen während der Starre verzichte ich inzwischen völlig. Die erste Gewichtskontrolle erfolgt nach dem Aufwachen. Die Tiere speichern Feuchtigkeit aus der Erde, somit liegt das Aufwachgewicht leicht über dem Gewicht im Herbst.

*Ich verwende hier den Begriff Winterstarre, da dieser in der "Schildkrötenszene" momentan als korrekt angesehen wird. Es soll damit ausgedrückt werden, dass Schildkröten in diesem Zustand nicht schlafen wie Bären oder Igel, somit keine Energie verbrauchen und sich folglich auch vorher keine dicke Speckschicht anfressen müssen. Alle Körperfunktionen wie Verdauung, Atmung und Herzschlag laufen bei niedrigen Temperaturen stark verlangsamt ab. In Wirklichkeit sind die Tiere aber nicht starr. Sie reagieren und sie ändern ihre Position. Sie schrauben sich in der Erde nach oben oder nach unten und folgen den Zonen, die eine optimale Überwinterungstemperatur haben.

 

  Winterquartiere für adulte Schildkröten im Gewächshaus

 

 c)      d) 

e)     f) 

c) Da wir in einer Gegend mit hohem Grundwasserstand leben, werden die Schildkröten, in mit Erde gefüllte Maurerkübel - siehe Fotos a) und b) - gelotst, die bis zur Oberkante in der Erde vergraben sind. Abgedeckt werden sie mit einer dicken Lage Stroh, das so lange liegen bleibt bis sich die Schildkröten komplett in der Erde vergraben haben. Die Heizung bleibt aus.

d) Wenn die Tiere vergraben sind, wird das Stroh zur Seite geräumt. Als Heizung von oben dienen ein Heizkabel, die in ein Gitter geflochten wurden.

e) Das ganze wird mit einer Kokosmatte, alten Wolldecken oder anderem verfügbaren Material abgedeckt. Die Temperatur wird mit einem Thermostaten geregelt, der bei 3°C anspringt und bei 6°C wieder ausgeht. Der Fühler steckt in der Erde auf Schildkrötenhöhe. Die Heizung geht normalerweise erst bei Temperaturen deutlich unter Null an. Es ist also eine sehr stromsparende Heizmethode. Zur Sicherheit ist noch ein zweites Thermometer angebracht.

f) Bei eisigem Frost wird alles mit einer zusätzlichen Strohschicht und alten Wolldecken, Säcken oder ähnlichem zugeseckt.

 

 

  

Vorkehrungen gegen klirrende Kälte


 

g) .     h) 

g) eine Strohschicht isoliert von außen gegen Bodenkälte

h) Zusätzliche Deckelheizung aus Heizkabel und Regentonnendeckel

 

i)

i) Kanisterheizung: Ein mit Wasser gefüllter Kanister mit einem 50W-Aquarienheizstab - für Temperaturen bis ca. -12°C geeignet. Auch Kerzen bringen einiges an Wärme (ein Teelicht soll 35W abgeben, eine Kerze mit langem Docht 95W)  Link


 

Kühlschranküberwinterung

 

Vor ein paar Jahren kam die Kühlschranküberwinterung "in Mode" und auch ich legte mir begeistert einen Kühlschrank als Winterresidenz für meine Schildkröten zu.

Wie von Experten empfohlen verbrachten meine Jungtiere zur Vorbereitung einige Wochen in einem Übergangsterrarium, wo Licht und Wärme allmählich reduziert wurden. Die Schlafplätze wurden feucht gehalten, und eine flache Wasserschale zum Baden stand zur Verfügung. Bei Temperaturen um die 12°C stellten sie allmählich das Fressen ein und sie blieben in ihren Verstecken. Nach ca. 14 Tagen waren sie bereit für den Umzug in den Kühlschrank. Sie kamen in vorbereitete Plastikboxen, die mit Erde, Moos und Laub (Buche, Birke, Hainbuche) gefüllt waren. Abgedeckt wurden sie mit einem feuchten Küchenhandtuch, das ca. alle 2 Wochen nachgefeuchtet wurde. Der Kühlschrank lief zunächst auf der “wärmsten” Stufe und wurde allmählich herunterreguliert auf Temperaturen um die 5°C. Alle paar Tage öffnete ich die Tür, um frische Luft hineinzulassen. Außerdem musste das Substrat auf Schimmel kontrolliert und stellenweise ausgetauscht werden. Ca. alle 6 Wochen wurde eine Gewichtskontrolle durchgeführt. Bei normaler Erdfeuchte hielten die Tiere ihr Gewicht. Bei trockenem Substrat nahmen sie ab.

pro und contra:

Ungeachtet der Tatsache, dass man die Schildkröte im Kühlschrank jederzeit überwachen und die Temperatur selbst steuern kann, hört man jedes Jahr von Todesfällen bei der Kühlschranküberwinterung. Schuld daran könnten zum einen Bakterien oder Pilze im Substrat sein, die sich - anders als im Freiland - in dem geschlossenen Kühlschrankinnenraum - und insbesondere in kleinen geschlossenen Plastikboxen - ungestört vermehren können. Zum anderen kann es zu Erfrierungen kommen, wenn die Technik ausfällt. Auch habe ich meine Zweifel, ob eine stets gleichbleibende Temperatur wirklich von Vorteil ist. Aus den Habitaten wird berichtet, dass mediterrane Landschildkröten durchaus an sonnigen Wintertagen auftauchen, Sonne tanken, Flüssigkeit aufnehmen oder ein Blättchen fressen, um dann noch ein paar Wochen weiter zu "schlafen". Ähnliches habe ich bei meinen Gewächshaus-Schildkröten beobachtet. Ein unbetreitbarer Vorteil der Kühlschranküberwinterung ist der Schutz vor Fressfeinden.

Mir persönlich erscheint die Überwinterung in der Erde natürlicher und weniger riskant als im Kühlschrank  - auch wenn es schwer fällt, die die Kontrolle aus der Hand zu geben und der Natur ihren Lauf zu lassen.

 

Überwinterungstemperatur

Vor der Anschaffung meines Gewächshauses 2007 überwinterte ich meine Schildkröten in mit Erde und Stroh oder Laub gefüllten Plastikboxen in einem ungeheizten Schuppen. Die Temperaturschwankungen waren beträchtlich, sie schwankten zwischen -2 und +12°C. Laut Meinung vieler Experten liegt die ideale Überwinterungstemperatur für mediterrane Landschildkröten bei 3-6°C. Schaut man sich die Klimadiagramme von den Habitaten an, stellt man fest, dass diese niedrigen Temperaturen eher selten, und wenn ja, dann nur für kurze Zeit erreicht werden. Hier eine Klimatabelle der mittleren Tagestemperaturen in Thessaloniki im Vergleich mit den entsprechenden Temperaturen in Norddeutschland im Winter 2008/09. Im südlichen Griechenland liegen die Temperaturen eher noch darüber. Man kann davon ausgehen, dass der Mittelwert der Bodentemperatur allenfalls wenige Grad von der Lufttemperatur abweicht. Die Temperatur im Boden ist gleichmäßiger, aber nicht wesentlich kälter. Meine persönliche Erfahrung ist, dass Thb auch höhere Überwinterungstemperaturen (bis ca. 10°C) vertragen, ohne ein einziges Gramm abzunehmen. Im Gegenteil, einige meiner Schlüpflinge nahmen noch 1-2g zu. Das Wichtigste ist, dass die Erde feucht genug ist. Es kann nicht schaden, seine Erkenntnisse immer wieder zu hinterfragen und durch Fakten und Messergebnisse zu untermauern.


 

k) 

k) Durchschnittliche Tagestemperatur der Monate November 2008 bis Februar 2009 in Thessaloniki/ Nordgriechenland (rot) und Bad Nenndorf/ Norddeutschland (blau). Abgelesen auf den Minianwendungen von Windows Vista

 

l)

l) Überraschender Wintereinbruch Ende März 2007. Die Jungtiere sind bereits aus der Winterstarre erwacht. Mit einem guten Frühbeet und Wärme von oben kein Problem!

 

 

Bau einer einfachen Überwinterungskiste für Schlüpflinge oder Jungtiere

Man nehme:

Eine Hartschaumbox (gibt es in verschiedenen Größen im Zoohandel zum Transport von Fischen, mit etwas Glück bekommt man sie sogar umsonst)

eine Heizmatte in der Größe des Deckels, hier 30W

stabilen Draht

ein Thermometer mit Fühler und eine Zeitschaltuhr bzw. einen Universalthermostaten

     

Man schneidet in den oberen Bereich der Box einen Eingang, durch den die Schildkröten bequem hindurch passen

die Heizmatte in den Deckel einpassen und mit Draht fixieren

     

ein Loch graben

Box einsetzen

Box mit Erde und Moos füllen

Fühler des Thermometers in der Erde versenken

Fertig ist das Winterquartier. Hereinspaziert! Den Eingang beizeiten mit einer Grassode verschließen. Alle paar Wochen nachfeuchten.

Den Thermostaten auf eine Temperatur von 3-6°C einstellen. Kostengünstiger ist eine Zeitschaltuhr in Kombination mit einem Minimum-Maximum-Thermometer. Die Heizzeit wird der Außentemperatur angepasst. Bei 0°C Außentemperatur reicht es, wenn die Matte alle 3 Std. für 20 Min. angeht. Noch einfacher geht es mit einem Universalthermostaten.

Risiko:

Styroporboxen sind nicht als Dauerbehausung geeignet. Mäuse nagen gern an diesem Material. Es kommt auch vor, dass Schildkröten daran herumknabbern und man im Kot kleine weiße Kügelchen findet. Schlafboxen und Schlafhäuser sollten nur in mäusefreien Zonen für die Winterstarre verwendet werden, denn sie bieten den Nagern einen perfekten Unterschlupf. Wenn in strengen, schneereichen Wintern das Futter knapp wird, gehen Mäuse auch an Schildkröten. Leider musste auch ich diese Erfahrung schon machen. Vielleicht ist dies der Grund, warum manche Schildkröten nicht freiwillig in Schlafhäusern überwintern, sondern sich instinktiv lieber im Wurzelbereich von Pflanzen eingraben.

Ähnlich wie in einer Kühlschrankbox ist auch eine Styroporbox ein geschlossenes System, in dem Bodenorganismen von außen keinen "Zutritt" haben, also ein idealer Nähboden für bestimmte Pilze und Bakterien. Es kommt vor, dass in dieser Weise überwinterte Schildkröten mit Schimmelflecken oder hellbraunen Flecken auf Carapax und Plastron aufwachen. Ist es ein Pilz, der sich von Horn ernährt?  Wer weiß etwas darüber? Es kann sicherlich nicht schaden, die Erde komplett auszuwechseln.

 

m)         n)  

                                  m) Mäusefraß             n) der Übeltäter, eine Brandmaus

 

o)

 Pilzbefall (???) nach Überwinterung